Die Sache mit der Pünktlichkeit

Den Deutschen werden ja einige Tugenden zugeschrieben. So wind wir (theoretisch) fleißig,  ordentlich, pflichtbewusst oder auch pünktlich. Ob dies korrekt ist oder nicht muss

jeder für sich selber einschätzen. Viele dieser Attribute sind im Rahmen eines geregelten Zusammenlebens mindestens hilfreich, wenn nicht sogar notwendig. Pünktlichkeit (um die es hier geht) ist dabei immer mal wieder ein besonderer Punkt, da sie von vielen Menschen  individuell interpretiert wird, es aber immer um das Zusammenspiel mehrerer Personen geht. Daher ist sie auch ein immer währender Anlass zum Konflikt.  Ich meine dabei nicht die unterschiedlichen Interpretationen über kulturelle Grenzen hinaus. Wir alle wissen aus der einen oder anderen Erfahrung, dass andere Länder dem Thema entspannter gegenüberstehen. Aber auch an Orten, wo Treffen mit einem „zum Sonnenuntergang am Marktplatz“ arrangiert werden, funktioniert dies meist einwandfrei. Die Menschen sprechen dort eben dieselbe Sprache.

Wir in unseren Breitengraden nutzen konkrete Uhrzeiten. Dies ist auch unerlässlich um Aktivitäten mehrerer Menschen abzustimmen und gemeinsam zu beginnen. Hier beginnt aber oft das Dilemma. Es gibt Menschen unter uns, die zu spät kommen. Dabei meine ich nicht die versehentliche Verspätung. Jeder kann einmal Pech haben und im Stau stehen oder bei der Arbeit nicht pünktlich raus kommen. Aber es gibt immer wieder Personen, die sich regelmäßig verspäten. Teilweise entsteht hier über Jahre ein Muster, dass je nach Charakter der Beteiligten auch schon sehr nervend sein kann. Die Frage stellt sich nun, warum ist dies so? Warum kommen dieselben Menschen immer wieder zu spät?  Ist es eine bewusste Handlung um andere zu ärgern?

Die Antwort ist hier nicht einfach, da es keine alleinige Antwort gibt. Mehrere mögliche Gründe können zum Tragen kommen.

Die autonome Person
Als Jugendliche/r hörten wir solche Sätze bestimmt häufig: „um  elf Uhr bist du zu Hause“. Mit solchen Ansagen verbanden wir damals Abhängigkeit und Machtlosigkeit. Teilweise übertragen wir diese Emotionen noch  bis in das Erwachsenenalter hinein. Diese Personengruppe möchte sich nicht vorgeben lassen was sie wann zu machen hat, selbst wenn es die eigene Planung war. So werden andere Aktivitäten (die natürlich sehr wichtig sind) vorgeschoben, um einen gesellschaftlich akzeptierten Grund zur wiederholten Unpünktlichkeit zu haben und sich selber zu bestätigen: „ich bin her über mich und meine Zeit“. Es handelt sich also über eine rebellische Handlung dagegen verplant zu werden.

Der Macht-Motivierte
Auch hier ein Beispiel zum Anfang:  Wir sind bei einem Konzert, der Sänger kommt aber erst mit 60 Minütiger Verspätung auf die Bühne, obwohl er schon die ganze Zeit vor Ort war und in der Garderobe noch ein Bierchen trinkt. Oder die Chefin, die die Abteilungsmitglieder 20 Minuten im Besprechungsraum warten lässt, bis sie dazu kommt.  Diese Menschen brauchen einen besonderen Auftritt. Sie demonstrieren damit wie wichtig sie sind und das ohne sie nichts geht.  „Ich bin etwas Besonderes“ ist hier das Signal.  Auch hier steht wieder ein interner Konflikt im Hintergrund. Oft ist dies z.B. ein Selbstwertproblem. Die Person braucht den Auftritt um ein positives Gefühl des Selbstwerts zu erhalten. Von Natur aus  ist dies nicht oder nur gering gegeben. Narzisstische Persönlichkeiten sind in dieser Gruppe unter anderem häufig vertreten.

Die Überpünktlichen
Es geht aber auch anders herum. Manche Menschen kommen nicht zu spät sondern zu früh. Und das nicht nur einige Minuten sondern schon eine halbe Stunde oder mehr. Besonders im beruflichen Kontext sind diese Menschen sehr auffällig. Der hier zum Tragen kommende Konflikt  liegt wieder einmal in der Person selber. „Angst“ ist dabei die vorherrschende Emotion. Es ist eine Angst aufzufallen. In einen vollen Raum zu spät zu kommen und die Blicke der Anwesenden auf sich zu spüren oder (noch unangenehmer) bei einer eigenen Aktion nicht alles penibel vorbereiten zu können um auf alle Situationen vermeintlich bestens reagieren zu können. Sehr oft ist in diesen Fällen ein Problem im sozialen Bereich oder auch im Selbstwertbereich vorhanden.

Welche Konsequenz haben diese Informationen nun für den betroffenen Menschen. Eine Konsequenz könnte sein, dass die klassischen Methoden zum Zeitmanagement nicht oder nur bedingt helfen. Sich selbst besser zu organisieren ist bestimmt eine Fähigkeit, die es sich lohnt zu erwerben. Wenn aber innere Konflikte die Ursache sind, werden solche Methoden auch nicht helfen. Hier gilt es dann die Ursachen zu sehen und den Mut aufzubringen diese  zu bearbeiten.

Ein kleiner Trost und Anmerkung aus der anderen Sichtweise
Wie fast immer sollte man nichts pauschalisieren. Neben den drei oben genannten Typen von Menschen gibt es noch unzählige Abstufungen oder anders Motivierte. Eine Blickweise kann zum Beispiel sein, dass unpünktliche Menschen einfach eine sehr entschleunigte und entspannte Sichtweise auf die Welt haben. Ihre Mitmenschen und ihre Umwelt ist Ihnen zwar wichtig aber kein Grund zum falschen Stress. Diese Menschen meinen es bestimmt nicht böse wenn es mal wieder etwas später geworden ist. Allerdings tröstet dass die Wartenden nicht wirklich. Da kann man nur eines machen (ebenso wie bei den anderen Varianten): Schon mal alleine anfangen.

Maik Wickbold

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